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An die Kriegstreiberinnen und Kriegstreiber

Liebe Mitbewohnerinnen und Mitbewohner dieses Planeten,

bei allem Verständnis für die kurzfristige Logik von Waffenlieferungen an die Ukraine, stellt sich mir eine viel grundlegendere Frage: Was wird wohl mit diesen Geschehen? Denkt ihr wirklich, ihr könnt damit Frieden erzwingen? Jaaaa, ich höre das Argument, man könne den Putin doch nicht einfach so die Ukraine platt machen lassen. Das geht so nicht! Was, wenn der dann einfach nicht stoppt und sich ganz Europa einverleibt? Dagegen müssen wir mit Waffengewalt vorgehen. Das scheint zunächst logisch. Zumindest aus dem Moment heraus.
Wie aber sieht das Bild aus, wenn ich den Blick weite? Wenn ich nicht nur die letzten Monate anschaue, sondern die letzten Jahre seit z.B. 2014? Oder gar seit 1914? Oder ganz vermessen seit 0000?
Wurde in diesem Zeitraum jemals ein Frieden durch Waffengewalt erreicht? Oder war es nicht eher so, dass mit jedem Sieg im Lager der Besiegten der Keim für den nächsten Konflikt gelegt wurde?
Kann es sein, dass unsere heutigen Konflikte Ergebnis einer endlos langen Kette von Versuchen sind, mit einer untauglichen Strategie („Frieden durch Waffengewalt“) unsere Meinungsverschiedenheiten zu klären?
Denn mal im Ernst: Nichts anderes ist auch dieser Krieg. Da ist kein abgrundtief Böses am Werk, dem um jeden Preis Einhalt geboten werden muß. Putin mag ein paranoider und vielleicht auch verrückter Autokrat sein, aber die Menschen in Russland sind es weitgehend nicht. Und auch Putin und sein Kreis von Vertrauten hat diesen Krieg in meinen Augen nicht begonnen, weil er Verrückt oder Böse ist, sondern weil er die Interessen und Bedürfnisse seines Volkes (und sicher auch und vor allem seine eigenen) nicht berücksichtigt sieht. (Und für’s Protokoll der Denunzianten: Ich verurteile jeden Krieg. Auch diesen und halte ihn für einen riesigen Fehler von Putin).
Klar werde ich jetzt als Putinversteher von vielen geächtet werden. Der Ben mal wieder. Nach Corona-Kritik gleich das nächste heisse Eisen, bei dem er sich gegen die überwältigende Mehrheit stellt. Und klar bin ich kein Historiker, der alles durchschaut und versteht. Aber eine Erfahrung kenne ich aus meinem eigenen Leben sehr gut: Wenn mir ein Stärkerer seinen Willen aufzwingt, werde ich solange Wege suchen, bis ich meine Autonomie wiedererlangt habe. Wenn das dann darin mündet, dass ich mich so „ertüchtigt“ habe, dass ich der Stärkere bin, kann ich meinen Willen durchsetzen, oder dem Anderen zeigen, dass er mich nicht mehr zwingen kann. Oder ihn halt gleich Vernichten und Auslöschen. So startet der endlose Kreislauf aus Aufrüstung, Drohung und immer wieder Konflikt.
Wir kennen das als “der Krieg als Vater aller Dinge“ und mit Sicherheit sind viele unserer Kulturtechniken aus diesem Mechanismus entstanden. Spätestens mit Einführung des Atomzeitalters mündet der Traum von der Auslöschung des Gegners jedoch im Inferno für alle.

Frieden erreichen wir damit aber niemals! Denn Frieden wäre der Zustand, wenn beide Konfliktparteien einen echten Ausgleich ihrer gegenläufigen Interessen und Bedürfnisse erreichen könnten.
Dies wurde nie mit Gewalt erreicht. Keine Faust, kein Stein, kein Schlagring, kein Messer, kein Gewehr, kein Panzer, keine Atomrakete wird jemals dafür sorgen.

Das kann allein das Gespräch.

Dumm nur, dass wir in unserer kriegerisch geprägten Kultur Gespräch als Schwäche deuten. Die Logik ist ja momentan: erst wenn ich dich mit meinen Waffen vernichten könnte, wirst du mir zuhören. Nur der Starke wird gehört!
Seit Rutger Bregmann (und seinem Buch: im Grunde gut) wissen wir, dass die Geschichte vom Menschen als Raubtier, welches gezähmt werden muß – und sei es eben mit Waffengewalt – letztlich Quatsch ist. Wir sind eigentlich kooperative Wesen und der Ausgleich von Interessen und Zusammenarbeit – nicht Krieg – ist unsere wahre Natur. Aber alles, was wir gelernt haben wie die Welt “funktioniert“, spricht dagegen. Konflikt durch Gewalt zu lösen, ist uns seit Jahrhunderten tief ins kollektive Bewusstsein eingeschrieben.
Es braucht einen radikalen Kulturwandel, um unserer wahren Natur wirklich Ausdruck verleihen zu können und die Frage lautet: Wer fängt an? Und wie fangen wir an? Welches Umfeld brauchen wir, damit Gespräch und nicht Abschreckung durch Gewalt die Lösungsstrategie werden kann?

Waffenlieferungen sind vor diesem Hintergrund kein Beitrag zu diesem Wandel. Selbst wenn es gelänge, die russischen Truppen vollständig aus der Ukraine zu vertreiben, bliebe das eigentliche Problem ungelöst und wir stünden wieder am Anfang: Wie schaffen wir einen Ausgleich, der die Bedürfnisse aller Beteiliger berücksichtigt? Allerdings um den Preis von unfassbarem menschlichen Leid. Wollt ihr das wirklich?

Liebe Grüße aus der Welt im Wandel,
Ben

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