18.05.2016
18. Mai 2016
28.05.2016
28. Mai 2016
Alle anzeigen

24.05.2016

Ich war Tauwerk einkaufen. Nein, nicht beim Schiffsausrüster um die Ecke, den ich sehr schätze, weil er meistens das hat, was ich benötige und mich gut berät, sondern bei einem Discounter, der über das Internet versucht neben den großen Versandhändlern zu bestehen.

An sich ja ein no go für mich als Verfechter des Prinzips ein möglichst regionales ökonomisches Leben zu führen. Aber: der Discounter sitzt in Flensburg!

In der Garage eines schmucken Einfamilienhauses fand sich eine bunte Auswahl an Tauwerk. Mein Seglerherz schlug höher. Und die Preise ließen das Herz des zur Zeit etwas strapazierten Schiffskassenwartes noch höher schlagen.
Anstatt wie ursprünglich geplant nur die benötigte Menge zu kaufen, nahm ich gleich eine ganze Rolle. 100 Meter Tau der Stärke 10 mm für etwas über 100€. Geil.

Ich war zufrieden und hatte das Gefühl, einen guten Kauf gemacht zu haben.
Der Verkäufer war freundlich und wir kamen kurz ins Gespräch. Was ich denn machen würde? Ich erzählte ihm von meinem Projekt. Kam ins Reden, und flugs wurde daraus wohl fast so etwas wie ein kleiner Vortrag.

Beschwingt fuhr ich zurück an Bord. Mir macht es Freude zu reden. Mir macht es auch Freude, andere Menschen für meine Ideen zu interessieren. Und ich hatte mir eingebildet, dass er sich dafür interessierte.

Als ich an Bord die Tauwerksrolle auspackte, sah ich dass sie nicht 100 Meter enthielt, sondern 150. Das hatten wir beide glatt übersehen. Mich durchzuckte eine kleine, diebische Freude: da hatte ich ja wirklich ein echtes Schnäppchen gemacht. Kurz kam der Gedanke auf, ob der Verkäufer das jetzt auch schon realisiert hatte? Irgendwie war da auch eine gewisse Peinlichkeit. Wie peinlich, dass er nicht weiß, wie viele Meter auf seinen Rollen sind.
Aber diese Gedanken verschwanden rasch und es blieb die Freude, dass ich einfach mal Glück gehabt hatte!

Das ist jetzt drei Wochen her.

Ich freue mich täglich an den vielen neuen Leinen, die durch meinen Schnäppchenkauf überall auf der Phoenix sind. Manchmal frage ich mich, ob die Leinen zu dem Preis wirklich so gut sein können, wie sogenanntes Markentauwerk? (Und wo wird das eigentlich gefertigt?) Können die Tschechen wirklich gutes Tauwerk herstellen? Die haben doch gar kein Meer? Aber diese Gedanken verdränge ich schnell wieder.

Heute Morgen nun ist das gute Gefühl ganz verschwunden. Mir klingt der Satz aus meinem letzten Tagebucheintrag in den Ohren: We all do better, when we all do better…

Wie geht es wohl dem Verkäufer mit unserem Geschäft? Hat er schon bemerkt, dass er einen für ihn sehr unvorteilhaften Fehler gemacht hat? Ärgert er sich jetzt über sich? Ärgert er sich über mich? Schmerzt ihn der finanzielle Verlust? (Ach, sind doch eigentlich Peanuts, oder?) Geht mich das etwas an?

Eigentlich ist es doch seine Verantwortung, wie er sein Geschäft betreibt und es ist an ihm darauf zu achten, dass er Gewinn macht, denke ich ein wenig trotzig.

Naja, ihr Leser seht natürlich schon lange, in was ich mich da verstrickt habe und gegen was sich mein Unterbewusstsein so hartnäckig und mit scheinbar kleveren Argumenten gewehrt hat:

Da mache ich so ein Experiment und erwarte von meinen Mitmenschen, dass sie sich um mein Auskommen Gedanken machen, und selber schaffe ich es drei Wochen lang den Gedanken, wie es dem Menschen auf der anderen Seite dieses für mich so vorteilhaften Geschäfts geht, gekonnt zu vermeiden. Autsch!

Morgen bin ich wieder in Flensburg und kann ihm das fehlende Geld bringen.

Ein Teil in mir ist immer noch etwas unwillig. Es hatte sich gut angefühlt, der Gewinner zu sein…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.