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Silvester 21 – Update zu 2020

Ihr Lieben,

was für ein ereignisreiches Jahr liegt hinter uns!
An Weihnachten 2020 sah es dank der immer drastischeren Maßnahmen und zweier für die Gesellschaft extrem kostspieliger Lockdowns nach einem wirtschaftlichen Desaster mit drohender Insolvenz für mich und zahllose andere Unternehmen aus.
Monatelang war die Welt im Pausenmodus. Der ursprünglich bis 10. Januar 2021 befristete letzte große Lockdown wurde bis in den April verlängert. Angst vor dem Virus schien der alleinige Antrieb zum Handeln zu sein. Viele zogen sich in die private Isolation zurück. Es begann die Zeit des großen Innehaltens und Nachdenkens.

Dann setzte sich selbst bei den am tiefsten verängstigten Menschen die Erkenntnis durch: Wir sind zwar am sichersten allein Zuhause, aber ohne (unmaskierte) Menschenbegegnungen in der realen Welt ist das Leben nicht mehr lebenswert! Wir lebten schon immer mit den unterschiedlichsten Viren und werden auch mit diesem zu leben lernen. Und wir wollen nicht jedes Jahr mit riesigem Aufwand einen neuen Impfstoff für den dann aktuellen Virus entwickeln und die ganze Welt damit versorgen (das sahen naturgemäß die Impfstoffhersteller zunächst etwas anders …).

Langsam verschoben sich die alten Werte und ein Umdenken begann: schrieb noch vor einem Jahr eine große Zeitung über die „Leistungsträger“ der Gesellschaft – und meinte damit vor allem Menschen mit hohem Einkommen, so zeigte sich im Krisenjahr 2020, wer den Laden wirklich am Laufen hält: MüllarbeiterInnen, KrankenpflegerInnen, KassiererInnen, LieferwagenfahrerInnen, LandwirtInnen, PhilosophInnen und KomikerInnen… Ohne euch wären wir als Gesellschaft auseinandergebrochen!

Heute werdet ihr gut bezahlt und genießt große Wertschätzung. Eure Gehälter werden – wie in allen anderen Branchen auch – nicht mehr nach Tarif bemessen, denn wir haben bundesweit das Prinzip des Bedarfseinkommens eingeführt.

Aber auch eine andere Erkenntnis hat sich durchgesetzt: Globale just-in-time Lieferketten erwiesen sich als extrem anfällig.
Zunächst schien es, als wäre Amazon die Lösung selbst für das Beschaffen von Essen und damit nach der Krise der letzte verbleibende Anbieter auf dem “Markt“.
Dann aber entdeckten die Menschen ihre eigenen Fähigkeiten und die ihrer Nachbarn wieder. Da alle auf einmal viel mehr Zeit hatten, war schnelle Verfügbarkeit und ein günstiger Preis nicht mehr das einzige Kriterium.
Heute produzieren wir unsere Schutzmasken, Kleidung, Schuhe, Werkzeuge, Lebensmittel und Medikamente wieder überwiegend selbst. Dinge werden wieder repariert. Firmen haben sich Lagerbestände zugelegt. Das Handwerk erfreut sich großer Wertschätzung.

Wir erkannten, dass es überlebenswichtig für uns alle ist, dass beide Seiten eines Geschäfts damit gut leben können. Niemand glaubt heute ernstlich, dass der “Markt“ irgendetwas regeln kann. Rendite als einziges Motiv für wirtschaftliche Tätigkeit verschwand. Der Finanzsektor schrumpfte auf ein Minimum zusammen.

Wir erkannten aber auch, auf was wir alles wirklich gut verzichten konnten.
Heute produzieren wir Dinge, weil sie lebensnotwendig sind. Die viel gepriesene digitale Revolution löste weniger Probleme als gedacht. Werte wie Solidarität, Empathie und Gemeinsinn erwiesen sich als weit hilfreicher für das Zusammenleben, als Alexa, Smartphones, digitaler Fernunterricht und Co.
So verschwanden fast über Nacht Produkte, die wir vor der Krise als unverzichtbar erachtet hatten.

Wir haben erkannt, wie zerbrechlich das Leben ist und wie kostbar jeder Augenblick.
Niemand ist mehr bereit, sich für Geld seine Lebenszeit abkaufen zu lassen, um eine Arbeit zu tun, die ihm selber kein Herzensanliegen ist. Feste Arbeitszeitregelungen sind verschwunden: Jeder entscheidet selbst, wie viel er mit Freude gerade beitragen kann. Dadurch merken wir bereits jetzt eine große Zunahme an Zufriedenheit. Die Menschen sind gesünder, haben ein stärkeres Immunsystem und unser wieder vergemeinschaftetes Gesundheitssystem ist deutlich entlastet. Zudem will sich kaum jemand in Rente begeben. Da alle eine erfüllende und wichtige Arbeit machen, verändern sich mit zunehmendem Alter nur die Tätigkeiten. Alle tragen – so sie nicht wirklich erkrankt sind – zum Leben bei und auch die Alten sind glücklich und deutlich gesünder, weil sie mit ihrer Erfahrung, ihrem Wissen und vor allem ihrer Gelassenheit ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft sind.

Vernetztes Denken und das Bewusstsein, dass wir Probleme nur im Zusammenhang lösen können, sind heute Allgemeinwissen. Niemand würde mehr der Idee verfallen, z.B. nur den Virologen die Lösung eines komplexen Problems anzuvertrauen.

Das Bedürfnis nach Urlaub und Erholung – und damit die gesamte Reisebranche – hat sich grundlegend verändert: Da sich niemand mehr des Geldes wegen in freudlosen Berufen abquält, braucht es keine Erholung und Ersatzabenteuer im Urlaub mehr.
Heute reisen die Menschen, um sich weiterzuentwickeln; um neue Horizonte in sich selbst zu entdecken; um ihren Blick auf die Welt zu verändern; um Momente der Stille und Langeweile als Voraussetzung für neue Ideen zu erleben.
Segelreisen erleben wegen ihres hohen Grads an Verlangsamung und den vielfältigen Möglichkeiten für Langeweile und Nichtstun, einen regelrechten Boom. So hat auch mein Projekt nicht nur überlebt, sondern ist ein schöner Erfolg geworden. Denn wir haben aus der Krise vor allem gelernt, wie heilsam Nichtstun sein kann.

Und was ist aus dem berühmten Corona-Virus geworden?
Ja, viele Menschen sind mit oder an dem Virus gestorben. Wobei wir bis Heute nicht genau wissen, wie viele davon den von uns in der ersten Panik ergriffenen Maßnahmen zuzurechnen sind. Seit unserer großen Umstellung sinkt dagegen die Sterblichkeit auf der Erde. Durch unsere neue Art des Wirtschaftens und der gesellschaftlichen Solidarität, lassen wir heute nicht mehr 24.000 Menschen am Tag verhungern. Das Flüchtlingsdrama hat sich erledigt und wir haben gelernt, Konflikte auch global so zu lösen, dass am Ende alle Beteiligten damit zufrieden sind.

Als Menschheit feiern wir diesen Wandel seither gemeinsam mit den weltweiten “Corona-Wochen“. Vom 24. Dezember an gehen alle Menschen für zwei Wochen in den kollektiven Rückzug. Die Welt steht still und wir besinnen uns darauf, was für uns wirklich wichtig ist. Manche verbringen die Zeit in meditativer Einsamkeit. Andere schließen sich zu sog. Corona-Gemeinschaften zusammen, und arbeiten intensiv an der Heilung alter Traumata und an neuen Visionen für die Zukunft.

Und ganz nebenbei stoppen wir damit die Ausbreitung des jeweils neuesten Virus´ …

Ihr Lieben, offensichtlich habe ich mich im Jahr vertan und was ich da schreibe, scheint momentan alles extrem unrealistisch. Aber hätte ich euch vor einem Jahr beschrieben, wie die Welt gerade aussieht, hättet ihr vermutlich das Gleiche gesagt, oder?
Darum vergessen wir nicht: Was heute Wirklichkeit ist, hat auch mit unserer Angst (oder Freude!) und den damit verbundenen Gedanken zu tun. Was wir denken neigt dazu, Realität zu werden.

Herzliche Grüße,
Ben

1 Comment

  1. Ulrich Stelzner sagt:

    Ahoi Ben,

    etwa seit du Frankreich auf deinem Überführungstripp erreicht hattest, bist du zunehmend kritisch, oft frustriert, zumindest nachdenklich aber am Ende des Jahres verbittert und vermutlich isoliert und einsam mit deinen Gedanken.
    Ich habe deine Finanzübersicht eingesehen und es sieht schon dramatisch aus nach 2020 und in 2021 wird es nur marginal wieder in die andere Richtung gehen, wenn du weiter segelst.
    Deine Kritik ist zulässig, wird aber zum Jahresende recht schrill und klingt verzweifelt, was ich befremdlich finde, nach dem wir uns einige Tage und Stunden austauschen konnten und Phil und ich dich als einen besonders kreativen, umsichtigen weiterdenkenden Menschen gesehen haben, aber auch von Selbstzweifel gebeutelten.
    Du hast deine Vision bis heute durchgehalten und es scheint weiter zu gehen.
    Aber deine Zweifel an der Akzeptanz zu deinem Angebot hat dich nie ganz verlassen.
    Zweifel und Nachfragen, Controlling und Effizienzkontrolle sollten zu allem gehören, was Menschen anfassen besonders, was von Menschen verfügt wurde. Deshalb wird man nicht zum Außenseiter.
    In der Situation der Pandemie müssen aber Wege gefunden, die sie abwenden und dieser Findungsprozess scheint nicht einfach zu sein und trotzdem gibt es Institutionen, denen die Verantwortung obliegt. Man kann die Menschen nicht allein damit lassen. Du weißt, wie unterschiedlich sie denken und handeln.
    Diese neuen Wege zu finden ist für alle neu und es bleibt nicht aus, dass man sich irrt und Maßnahmen ständig geändert werden.
    Du kennst das selbst. Du hast Vieles an deinem Projekt seit 2016 verändert und ausprobiert und bist noch immer nicht ganz sicher, was das ultimative Rezept ist, die richtigen Gedanken in eine bessere Welt zu transferieren.
    Lieber Ben, es ist schade und für dich dramatisch, dass du zeitweise in deinen Aktivitäten eingeschränkt wirst, was ja einem Berufsverbot gleichkommt.
    Versuche durchzuhalten. Du findest Übergangswege, weil du es kannst und nur so voller toller Ideen bist.
    Vertraue dir selbst!

    Hier schicke ich dir meine Gedanken, die ich mir beim Schreiben der Weihnachtskarten gemacht habe. Etwas verspätet für dich und ja, meine Situation ist eine andere als deine:
    “Lasst uns doch mal schauen, was wir so Positives im letzten Jahr erfahren haben!

    Wir leben im Frieden.
    Niemand treibt uns in die Flucht.
    Große Naturkatastrophen sind bei vorbeigezogen.
    Wir haben genug zu essen.
    Unser Haus und unsere Wohnungen sind warm.
    Wir haben Kontakt auf verschiedenen Wegen.
    Wir lernen, uns auf das Wesentliche zu besinnen

    Damit liegen so viele Gaben unter unserem Baum.

    Uns geht es gut!
    Lasst uns die Festtage in diesem Sinn fröhlich begehen, ein bisschen nachdenken und mit Zuversicht ins nächste Jahr schauen.

    Unsere besten Wünsche sind auf dem Weg zu dir.”

    Heute Morgen, Neujahrsmorgen ist mir ein Feature vom Deutschlandfunk aufgefallen.
    Ein Experiment, das genau in deine Überlegungen passt.
    Hier der Link:
    https://www.deutschlandfunkkultur.de/ein-einkommensexperiment-das-geld-der-anderen.3720.de.html?dram:article_id=488990

    Ben, ich schau ab und zu mal in dein Logbuch und wünsche dir, dass die Achterbahn, auf der du dich befindest, sich bald in eine gemächlicher Wasserbahn ändert.

    P.S. Die Reederei Timbercoast, mit ihrem Frachtsegler Avontuur, muss jetzt Konkurs anmelden, weil ein Investor, Hans-Georg Näder, der jahrelang mit Cornelius Bockermann geträumt hat, neue und effektivere Frachtsegler zu bauen, abgesprungen ist und seine Vorabeinlagen jetzt zurückgefordert hat. Die Avontuur befindet sich auf ihrer 6. Voyage und liegt z. Zt. in Santa Cruz de Tenerife und wollte Mitte Januar weiter in die Karibik.
    Wie es weiter geht. Wer weiß.

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