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Keine Gesprächsgrundlage mehr?

Ein Doktor aus Berlin, der mir seit einigen Wochen in langen Mails versucht zu erklären, warum ich mit meinen Gedanken auf dem Holzweg bin, hat jetzt das finale Argument für einen Gesprächsabbruch gebracht, in dem er mir vorwirft, ich würde als einzige Strategie die „Alten verrecken lassen“ wollen: „...Wie auch andere Quer- und Anders-“Denker” blenden Sie die tatsächlichen Konsequenzen Ihrer Überlegungen aus – und lassen, das muss ich leider sagen, ein erschreckend kaltes Menschenbild erkennen. 
Dies bildet für mich ebensowenig eine Gesprächsgrundlage wie das Anzweifeln der tatsächlichen Gefahr durch die Pandemie. Offenbar haben wir ein unterschiedliches Verständnis von Solidarität, Vernunft und Freiheit, auch wenn wir sicher darin übereinstimmen, dass die Welt auch noch andere Probleme hat.“

mein Argument, dass wir als Gesellschaft genau dies seit Jahren z.B. mit allen Grippetoten, Verkehrstoten, Alkohol – und Tabaktoten gemacht haben, will er nicht anerkennen. Auch nicht, dass selbst unser Entwicklungsminister Müller davor gewarnt hat, dass durch Lockdowns mehr Menschen sterben werden, als durch das Virus selbst, was eines meiner Hauptargumente seit März ist (aber stimmt, die sterben dann weit weg. Das sind dann „… unterschiedliche Probleme, die unterschiedlicher Lösungswege bedürfen.“, wie der Doktor schreibt).
Nein, wir müssen ALLES diesem einen Thema und dem Schutz unserer eigenen Risikogruppen unterordnen. Sein Urteil steht fest: Ich bin ein Mensch mit einem erschreckend kalten Menschenbild, der es nicht Wert ist, weiter angehört zu werden.

Einen Moment lang war ich im Zweifel: ist mein Menschebild wirklich kalt, weil ich es wage meinen Blick nicht nur auf unsere eigenen Toten zu wenden, sondern versuche die Folgen unserer Schutzmaßnahmen für Menschen auch ausserhalb unseres unmittelbaren Umfelds mitzudenken?

Wäre unser Gesprächsversuch auch so verlaufen, wenn wir dies alles nicht in unpersönlichen Mails ausgetauscht hätten, sondern in einem mehrtägigen Gespräch von Angesicht zu Angesicht an Bord der ANAKIWA?
Wie es ihm wohl selbst damit geht?
Ich vermute, dass er nach diesem Dialog eher nicht zu mir an Bord kommen wird. Wer will schon mit einem kaltherzigen Menschen segeln gehen …

Mich zumindest lässt diese abgebrochene Kommunikation ratlos und traurig zurück und meine Sehnsucht nach echten Gesprächen in der realen Wirklichkeit – ohne digitale Filter – wird immer größer!

5 Comments

  1. Karl-Alfred Büttner sagt:

    Lasse Dich nicht irre machen, Ben – Du (und ich) sind nicht auf Regierungslinie und somit entweder rechts (was absolut nicht zutrifft) oder kaltherzig
    oder sogenannte Covidioten (welch eine Unverschämtheit Andersdenkende so zu benennen!!).
    Ich bin auch der Ansicht, daß durch die – europaweite mit Ausnahme von Schweden – Corona-Politik mehr Kollateralschäden entstehen als durch das
    eigentliche Virus. Davon will man seitens der Regierenden jedoch nichts wissen und würgt jede Diskussion dieser Art ab. Andersdenkende werden
    seitens der Gesellschaft und der Politik verunglimpft und ruiniert – und dazu gehörst Du inzwischen offensichtlich auch…. sorry…. Ich hoffe trotzdem,
    daß wir uns im kommenden Jahr an Bord kennenlernen werden!!

  2. Peter Panetin sagt:

    Erstaunlich, dass es jetzt zusätzlich zu den Querdenkern auch noch Quersegler gibt.
    Gottseidank sind diese nicht in politischer Verantwortung, sondern diejenigen Politiker , die mit großer Mehrheit gewählt wurden und ihre Verantwortung auch wahrnehmen anstatt aus dem Off heraus alles besser zu wissen.
    PS: Ein guter Seemann holt sich vor und während dem Törn den aktuellen Wetterbericht ein oder umfährt das Tief, dann muss er später nicht vor dem Sturm ablaufen, da er diesem aus dem Weg gegangen ist.
    Und genau das macht die Politik seit Monaten, sie versucht den schlimmsten Szenarios auszuweichen.

    • Alf Lehmann sagt:

      Hallo Peter,
      so oder so bin froh, dass es noch Menschen gibt, die sich mit der Meinung anderer auseinanderzusetzen. Ich möchte den Politikern nicht unterstellen, nicht im Sinne unserer Gesundheit zu handeln. Aber die Striktheit, mit der jetzt und aller Voraussicht nach auch in Zukunft unsere Freiheiten eingeschränkt werden, halte ich anlässlich eines grippeähnlichen Virus doch schon mehr als bedenklich.
      Um beim Segeln zu bleiben: Ein guter Seemann weiß Stürme geschickt zu umfahren, ohne dauerhaft im Hafen zu verweilen..

  3. Sehr geehrter Herr Panetin,
    Danke für ihren Kommentar.
    Auch wenn ich ihr Demokratieverständnis eher fragwürdig finde. Opposition war zumindest in den Zeiten vor Corona ein lebenswichtiger Bestandteil einer lebendigen Demokratie. Dass dieses Lebenszeichen Heute zunehmend zu einem öffentlichen Ärgernis wird, bereit mir – und vielen wachen Zeitgenossen – große Sorgen. Ihnen offenbar nicht.
    Und zu der “großen Mehrheit”, mit der unsere derzeitige Regierung ihrer Ansicht nach gewählt wurde, sei hier kurz die Erinnerung erlaubt: Bei einer Wahlbeteiligung von 71,5% hatt es diese Koalition aus CDU, SPD und CSU zusammen mal gerade auf knapp 53,5% geschafft. Eine “große Mehrheit” sieht rechnerisch doch etwas anders aus …

  4. Jörg Geiger sagt:

    Moin Ben,

    Warnungen und Lektüre gibt es genug (z.B. Warum schweigen die Lämmer v. Rainer Mausfeld o. Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur v. Hannah Arendt), die uns erkennen lassen würden, dass wir schon seit Jahrzehnten auf dem Holzweg sind. Totalitarismus und Kapitalismus hat viele verblendet, das Spiel wurde und wird ständig verfeinert, dieses zu erkennen ist schwierig.
    Der Beweis, dass die repräsentative Demokratie gescheitert ist.
    Viele Leben in einer Blase ihresgleichen und erkennen nicht das Leid und Elend in ihrer Straße, geschweige denn auf der Welt.
    In einem Hirtenbrief der Bischöfe Spaniens von 1954 hieß es: Es muss Arme geben, damit die Reichen das Gebot der Nächstenliebe überhaupt erfüllen können. Erst das Leiden der Armen ermöglicht den Reichen, ihre Güte zu zeigen.

    Vielen wurde das selbstständige Denken abgenommen und in Schulen, Uni’s wird das Ganze fortgesetzt oder gefördert. Es gibt nichts Bequemeres als nicht zu denken.
    Ich vermisse die wunderbaren Gespräche, den Diskurs und die verschiedenen Argumente die uns zur Wahrheit geführt haben. Ich hätte noch vieles mehr zu sagen aber das würde wohl den Rahmen sprengen.

    Gruß Jörg
    PS: letzte Fahrt über die NOK mit der Phoenix Oktober 2019

    Zitat Hannah Arendt:

    Viel verlässlicher werden die Zweifler und Skeptiker sein, nicht etwa weil Skeptizismus gut und Zweifel heilsam ist, sondern weil diese Menschen es gewohnt sind, Dinge zu überprüfen und sich ihre eigene Meinung zu bilden.

    Diejenigen, die nicht teilnahmen und von der Mehrheit als unverantwortlich bezeichnet wurden, waren die Einzigen, die es wagten, selbst zu Urteilen.

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