Dialog
10. Dezember 2021
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Windwarnung

Ihr Lieben,

realistisch betrachtet sieht der gesellschaftliche Wetterbericht eher düster aus:
Der Nürnberger Kodex soll ausgesetzt werden. Die grundgesetzlich garantierte Unversehrtheit des eigenen Körpers gegenüber medizinischen Eingriffen ohne Zustimmung soll zugunsten einer Impfpflicht abgeschafft werden (wem gehört eigentlich mein Körper?). Der Zugang zum öffentlichen Raum wird zusehends an den Besitz bestimmter Zertifikate geknüpft. Ohne Smartphone wird die Bewegungsfreiheit erschwert. Die Abschaffung des Bargelds wird ein weiterer Schritt hin zum gläsernen Bürger sein, dem bei Fehlverhalten einfach das Konto gesperrt werden kann. Die Reisefreiheit, wie wir sie aus Vor-Corona-Zeiten kannten, ist auch Geschichte. Politiker kennen keine roten Linien mehr. Verordnungen regeln auf unabsehbare Zeit – und auf Grund seltsamer Datenlagen – wer wann mit wem und zu welcher Zeit sich treffen darf. Das soziale Klima wird frostig.
Eigentlich ein guter Zeitpunkt um sich aus Europa abzusetzen (oder diesen Planeten gleich ganz zu verlassen)! Oder um sich auf seiner Scholle einzuigeln und bessere Zeiten abzuwarten. Oder sich als politischer Aktivist ins Getümmel zu stürzen, um das Ruder doch noch herumzureissen?

Vor vier Monaten habe ich die ANAKIWA verkauft. Zunächst war ich erleichtert, mich ganz auf das Landleben konzentrieren zu können. Zu groß waren die Sorgen, wie ich wirtschaftlich überleben kann, wenn nicht klar ist, zu welchen Konditionen wir im nächsten Jahr segeln dürfen. Zu viel gab und gibt es zu tun, um unsere Gesellschaft davor zu bewahren, sich immer weiter in Richtung vormundschaftlicher Staat zu bewegen. So viel ist zu tun, um für die jungen Menschen zukunftsfähige Ausbildungsformen entstehen zu lassen. Um unser Dorf mit einer wirklich nachhaltigen Energieversorgung auszustatten. Um unseren Umgang mit Geld und Arbeit weiter zu entwickeln …. Also eigentlich eine wirklich kluge Entscheidung.

Nach vier Monaten geht es mir mit all dieser Klugheit wirklich schlecht: mir fehlt der Abstand zum Land. Mir fehlt der Perspektivenwechsel. Mir fehlt die Abhängigkeit vom Wetter. Mir fehlen die Zeiten des nomadischen Lebens. Mir fehlen meine wechselnden Gäste. Mir fehlt ein Schiff. Aber vor allem fehlt mir das Meer! ….
Offensichtlich bin ich nicht für ein dauerhaftes Leben an Land geeignet.
Diese unbequeme Erkenntnis hat mir viele schlaflose Nächte bereitet.
Dazu ist mir die Endlichkeit meiner Zeit auf dem Planeten durch den Tod einiger mir naher Menschen sehr bewußt geworden. Wirklich erschüttert hat mich dann der Fund des toten Körpers eines unserer Gemeinschaftsmitglieder auf dem Abendspaziergang am zweiten Weihnachtstag. Er lag – nach einem plötzlichen Herzstillstand – im Dunkeln am Wegesrand. Dieser Mensch war zwei Jahre Jünger als ich selbst.
Nach dem ersten Schock kamen die drängenden Fragen: Wofür lohnt es sich wirklich aufzustehen? Was will ich noch erfahren und erleben, bevor auch ich meinen Körper ablegen werde? Wieviel Zeit bleibt mir noch? Wieviel Raum will ich Angst und Vorsicht in meinem Leben einräumen?

Für mich gilt: Letztlich ist das Leben zu kurz, um es komplett an Land zu verbringen!
Darum werde ich meinem Herzen folgen und wieder ein Schiff kaufen. Ich werde wieder Segelreisen unternehmen. Obwohl es momentan geradezu absurd erscheint. Obwohl es unklug ist in Zeiten von Angst und Unsicherheit, von gesellschaftlichem Umbruch und sozialen Spannungen.
Vielleicht ist es aber ein Weg, um meine geistige Gesundheit zu bewahren? Einfach ein Zeichen von Selbstschutz? Vielleicht sind in absurden Zeiten nicht-logische Handlungsweisen eher zielführend?
Tastend gehe ich meinen unklugen Weg ins Ungewisse.
Seit ich wieder Reisen plane, ist die Freude zurück in meinem Leben. Mein Herz ist voller Begeisterung für mein zukünftiges Schiff und die wunderbaren Abenteuer, die wir zusammen mit unseren Gästen erleben werden. Die Weite der See lockt mich mit zahllosen Möglichkeiten und die Liebe zu dem, was mich wirklich aus tiefstem Herzen bewegt, treibt mich morgens wieder mit einem Lächeln aus dem Bett.
Gleichzeitig ist mir bewußt, wie kostbar die Verbundenheit mit den Menschen an Land ist. Dankbarkeit erfüllt mich, dass ihr, die Festlandbewohner, den Nomaden immer wieder unter euch willkommen heisst.
Es wird ein Spagat werden: Ein Teil meines Lebens auf dem Meer, der andere an Land. Beide begrenzt und endlich. Der Atemschwung des Lebens aus Aufbruch, Abschied und Heimkehr.

Lebendige Grüße,
Euer Skipper Ben

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